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Selina Glockner, Alba Scharnhorst und René Reith wurden in Zeiten der Corona-Pandemie mit unterschiedlichen Rechercheprojekten durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien im Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland gefördert.

Diese Seite gibt einen Einblick in Zwischenstände der jeweiligen Recherchen, um der künstlerischen Arbeit, die in der Lockdown-Zeit entstanden ist, eine Plattform und erste Form der Sichtbarkeit zu geben. Es ist geplant, aus dem Material und den gesicherten Zwischenergebnissen zukünftige Performances zu erarbeiten.

Auf dem Blog des Dachverband Deutschland sind die Beiträge aller Geförderten zu vielen weiteren spannenden Rechercheprojekten im Bereich Tanz zu finden.

A-LIVENESS

von Selina Glockner

A-LIVENESS knüpft an das intermediale Forschungs- und Videotanzprojekt IN.FLUENCE an und (unter)sucht choreo-cinematische Konstellationen von Tanz und Film. Dabei konzentriert es sich auf die künstlerische Fusion von Tanz und Film und weniger die Archivierung/Dokumentation von Tanz durch Film. Beide Kunstformen arbeiten mit und in kontinuierlicher Bewegung. Diese Gemeinsamkeit ist für Selina eine faszinierende choreografische Schnittstelle und war Ausgangspunkt für die Recherche. In A-LIVENESS beschäftigte sie sich v.a. mit dem Konzept eines digitalen Tänzer:innenkörpers und seinem* Potential, materielle Grenzen zu überwinden und damit etwaige Erwartungen an einen „Look“ zu irritieren.

Dieser inhaltliche Fokus liegt zum einen in einem queerfeministischen Ansatz begründet, der aus der Erfahrung einer eigenen professionellen Tanzkarriere heraus die Ideale und Erwartungen kritisch befragt, mit denen Tänzer:innenkörper in der Ausbildung wie auch auf der Bühne konfrontiert sind. Zum anderen in der gesellschaftlich höchst relevanten Frage, wo der menschliche Körper mit seiner* Liveness aufhört und seine* technische Reproduktion z.B. in Form eines Abbilds beginnt. Seit 2020 fand ein Großteil sozialer Interaktion im Internet statt. Videobilder schrieben sich als Repräsentation von Körpern in unsere Sehgewohnheiten ein.

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„To transcend the limits of the body we need to let go of what a body should look like, what it should do, how it should live.“

(Russell Legacy, Glitch Feminism, S. 146)

Selina untersuchte unterschiedliche Formen des Motion-Capturing und damit einhergehende (digitale) Erscheinungsformen des Körpers in Bewegung. Die Recherche umfasste sowohl optische (Kameraerfassung), elektromagnetische (Sensorik) als auch elektromechanische (Exoskelett) und akustische (Ultraschall) Verfahren. Dabei interessierte sie besonders der Punkt, an dem die „realitätsnahe“ Imitation/Abbildung des Körpers (z.B. durch Glitches) gestört wurde. Es wurde ein enormes choreografisches Potential in sog. „Errors“ und „Glitches“ erkannt: Sie brachten Bewegung in einen vorhersehbaren Ablauf und überraschten durch unkontrollierbare Erscheinungen, indem sie den Prozess störten, blockierten, aber auch einen Impuls für eine neue Art des Verlaufs setzten. Die Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit des Resultats barg das Potential, Interferenzen sichtbar machen zu können und damit nicht (nur) auf etablierte Kategorien und Definitionen zurückzugreifen, innerhalb derer ein Körper (ab)gebildet und gelesen werden kann. 

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„Glitched bodies pose a very real threat to social order: encrypted and unreadable within a strictly gendered worldview, they resist normative programming.“

(Russell Legacy, Glitch Feminism, S. 85)

Im weiteren Verlauf wurden daraufhin Prinzipien des „Data-Bending“ und „Glitch-Art“ als choreografisches Tool ausprobiert, um die Grenze zu erkunden, entlang derer sich Dinge nicht mehr vorhersehbar verhalten und Erwartungen entsprechend funktionieren. Hier ein Einblick in das erste exportierte Datenmaterial:

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„When we reject the binary, we claim uselessness as a strategic tool.“

(Russell Legacy, Glitch Feminism, S. 69)

Selbst-Dekolonialisierung von Tanztechniken des Lateinamerikanischen Turniertanzsports

von René Reith 

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René  Reith auf dem Tanzturnier "Hessen Tanzt" 2009

Auf dem Tanzparkett winden sich erhobene Arme, als würden sie gehalten werden, Füße drehen sich bei jedem Schritt nach außen, ein Becken schwingt von Links nach Rechts. Um den tanzenden Körper herum befindet sich eine Art unsichtbare Silhouette, zu der er sich immer wieder ausrichtet. 

Diese Tanzszene aus dem Forschungsprozess zum Thema „Selbst-Dekolonialisierung von Tanztechniken des lateinamerikanischen Turniertanzsports“ stammt aus einem choreografischen Versuchsaufbau von René Reith. In dem Recherche-Projekt setzt er sich kritisch mit seiner eigenen Bewegungsform auseinander, die durch seine Tanzpraxis als ehemaliger Turniertänzer im lateinamerikanischen Turniertanz geprägt ist. Der Fokus liegt hierbei auf der Befragung hinsichtlich kulturellen Aneignung von lateinamerikanischen Tänzen und einer queerfeministischen Auffächerung von unterschiedlichen Kategorien, die identitäts-konstituierend sind. Sexistische Rollenbilder, campe Musikauswahl, exotisierende Zuschreibungen, popkulturelle Phänomene und rassistische Körperpraxen sind in diesem Forschungsfeld durch eine Gegenüberstellung und Nebeneinanderstellung miteinander verbunden. Sie fordern zu einer selbstreflexiven wie auch kritischen, künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung auf.

Der Forschungsprozess besteht aus einer engen Verbindung von Theorie und Praxis. Auf der einen Seite werden beispielsweise populäre Auftritte von Tanzpaaren im lateinamerikanischen Turniertanzsport kritisch analysiert und in den Kontext von postkolonialer Forschung gebracht. Auf der anderen Seite werden mit Kompositionsverfahren der zeitgenössischen Choreografie die Tanzfiguren des lateinamerikanischen Turniertanzes auf alternative Weisen zu den Regeln der Tanztechnik körperlich erfahrbar. Im digitalen Austausch mit unterschiedlichen Expert*innen, wie beispielsweise dem Romanisten Italo Acevedo zu iboamerikanischen Studien und der Kulturiwssenschaftlerin und Theater-Regisseurin Marie Simons werden weitere Refelxionsebenen etabliert.

In der Aneignung der Tänzer im europäischen Tanzsport wurde der lateinamerikanische Tanz als Wettkampf adaptiert. In diesem treten die einzelnen Paare auf der Tanzfläche im Turnier gegeneinander an und werden von einer externen Jury bewertete. Dieser szenische Aufbau des „Showsports“ weist einige Parallelen zu performativen Vorgängen des Theaters auf. Die Ausrichtung der persönlichen Leistung gegenüber den Zuschauer*innen und die Bewertung von außen bilden eine wichtige Dynamik. 

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– Eine zwischenräumliche Bewegungssuche in Zeiten von Corona

von Alba Marina Scharnhorst 

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„Ich möchte, daß es dauerhafte, unbewegliche, unantastbare, unberührte und fast unberührbare, unwandelbare, verwurzelte Orte gibt; Orte die Empfehlungen wären, Ausgangspunkte, Quellen [...]. Solche Orte gibt es nicht, und weil es sie nicht gibt, wird der Raum zur Frage, hört auf eine Gewißheit zu sein, hört auf eingegliedert zu sein, hört auf angeeignet zu sein. Der Raum ist ein Zweifel [...].“

Goeges Perec: „Träume von Räumen“, 2. Auflage 2016, diaphanes, Zürich-Berlin, Titel der Originalausgabe: „Espèces d’Espaces“, Éditions Galilée, Paris, 1974, S. 155

 

In dem hier vorgestellten Recherche-Vorhaben hat sich Alba Marina Scharnhorst choreografisch und szenografisch mit der Frage auseinandergesetzt wo und welche Art der Bewegungsfreiräume entstanden sind und wie sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers in Zeiten des Lockdowns und der Isolation verändert haben. Mit den Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus wurden der Raum, die Bewegung im Raum und dessen Strukturierung zu einer Frage, Gewissheiten und Gewohnheiten zum Zweifel. Neue Wege, neue Aufenthaltsmöglichkeiten, andere Bewegungs- und Begegnungsformen mussten und müssen erst entwickelt werden:

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„Nicht das Körperverhalten als solches, sondern das raumabhängige Körperverhalten ist auf eine kulturspezifische Art und Weise in Wertsystemen jeder Gesellschaft verankert.“

Kirsten Wagner: „Gehraum, Sehraum, Tastraum – Zur Formation des Anthropologischen Raums auf physiologischem Feld“ in Anna Echterhölter, Iris Därmann (Hg.): „Konfigurationen – Gebrauchsweisen des Raums“, 1. Auflage, diaphanes, Zürich-Berlin, 2013

 

Ausgehend von diesen Überlegungen und Raumsoziologischen Annahmen wurden neue Symbole und Materialien, die den Raum und die Bewegung (um)strukturieren genauer untersucht. Abschirmung voneinander zur Verhinderung einer Ansteckung durch Plexiglas, Symbole für das Abstandhalten und das Allein-sein in privaten Räumen wurden zum Thema. Ebenso wie ein spezifisches Körpergefühl, das mit dem Homeoffice, der Isolation einherging:

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„Die Tage haben sich in mir die Beine vertreten; sie sind ganz geschwollen vom herum sitzen und sie haben schwere Sohlen und drückende Fersen bekommen.“

Text von Alexander Rudolfi

Inspiriert von dieser Beschreibung, der Recherche und dem Austausch entstanden Skulpturen: Miniatur-Beine und -Arme die sich in Plexiglasvitrinen an Minimotoren um sich selbst drehen. Bei Aufbauten in privaten und öffentlichen Räumen und der Bewegungssuche mit dem eigenen Körper galt es einen künstlerischen Ausdruck zu finden für eine Empfindung, die nach wie vor anhält und unser Zusammenleben, die Räume und Raumstrukturen ins Wanken bringt, in Bewegung versetzt.

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